Achtsamkeit im Kontext der 4 Edlen Wahrheiten
Juni 2026 hatten ein weiterer Bruder und ich die Freude, ein v.a. von der Wiener Intersein-Sangha organisiertes Retreat im Waldviertel, etwa 130 km nordwestlich von Wien, zu betreuen.
Manche aus der Sangha hatte ich schon 2013 und 2014 in Wien getroffen, als ich noch dort wohnte, und ich bin nicht allzu weit vom Ort des Retreats aufgewachsen. Es war für mich also wiederum ein Heimkommen. Ich habe mich riesig über die Einladung gefreut, und das Retreat war dann für uns auch sehr erfüllend und gab uns definitiv neue Richtungsimpulse und Inspiration.
Vom Ablauf her haben wir ein klassisches Retreat unserer Tradition organisiert: Körperübungen, Sitzmeditation, gemeinsame Mahlzeiten, Dharma-Vortrag und Q&A, Gehmeditation, Mittagsschlafpause, Dharma-Austausch, schneller Spaziergang, Abendbrot, Tiefenentspannung und geselliges Zusammensein (Lagerfeuer) am Abend.
Als Thema hatte das Organisationsteam sich „Achtsamkeit im Alltag“ gewünscht. Dieses Thema hat uns beide Mönche angesprochen, weil Achtsamkeit ein Kernthema unserer Tradition ist und gleichzeitig sehr praktisch ist. Von der Achtsamkeitspraxis ausgehend können wir viele spirituelle Übungen verstehen und erfahren.
Wir haben Achtsamkeit als einen zentralen Bestandteil des buddhistischen Weges vorgestellt; besonders im Zusammenhang mit den vier edlen Wahrheiten. Diese besagen in etwa: Leiden hat Ursachen und Bedingungen; und weil es bedingt ist, kann es auch verwandelt werden. Der buddhistische Weg soll zeigen, wie wir auf diese Ursachen einwirken können.
Achtsamkeit bedeutet u.a. (erstens) Sich- Erinnern (Sanskrit: smrti , Englisch: right recollection): Sich im Alltag immer wieder daran zu erinnern, was uns wichtig ist und wie wir leben möchten: wie wir sprechen, handeln, konsumieren, unsere Energie einsetzen und mit uns selbst und anderen umgehen. In diesem Zusammenhang sprachen wir auch über die fünf Achtsamkeitsübungen, die eine konkrete Orientierung für ein bewusstes Leben geben.
Zugleich haben wir Achtsamkeit (zweitens) als Gewahrsein beschrieben: als waches, klares Wahrnehmen dessen, was gerade in Körper, Gefühlen und Geist geschieht. Dies bewirkt Beruhigung, geistige Sammlung und Klarheit.
Besonders hervorgehoben haben wir, wie in unserer Tradition üblich, das achtsame Atmen und das achtsame Gehen. Beide Übungen sind einfach, unmittelbar und alltagstauglich. Wir atmen immer, und wir gehen im Laufe eines Tages viele Schritte. Gerade deshalb können diese beiden Praxisformen uns immer wieder helfen, zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren, Körper und Geist zu sammeln und mehr Ruhe und Stabilität zu erfahren.
Achtsamkeit hilft, das Gute wahrzunehmen und zu vermehren. Die Praxis „Ich bin angekommen, ich bin zu Hause“ zeigt, dass der gegenwärtige Augenblick viele friedliche und glückliche Dinge enthält. Wir können uns bewusst machen/ uns daran erinnern, wofür wir dankbar sind: mit Freunden auf einem Retreat zu sein, atmen zu können, Natur zu sehen, gute Luft zu haben oder Unterstützung zu erfahren. Wenn wir diese Dinge wahrnehmen, entsteht Freude. In unserem Geist gibt es so viele positive Möglichkeiten: Freude, Glück, Einsicht und Weisheit. In der buddhistischen Tradition wird auch von der Buddha-Natur gesprochen, die allzeit als Samen in uns liegt. Durch Achtsamkeit können wir diese Qualitäten berühren und stärken.
Mit Achtsamkeitspraxis können wir auch schwierige Zustände wie Unruhe, Ärger oder Verzweiflung, lindern, heilen und transformieren.
Weiters können wir auch Gewohnheiten wandeln: Wenn wir zum Beispiel ein Problem mit Alkohol haben, können wir lernen, achtsamer damit umzugehen: Das Sich- Erinnern (smrti), anders zu handeln, Achtsames Atmen und achtsames Gehen unterstützen sich gegenseitig.
Achtsamkeit hat also sowohl eine heilende als auch eine nährende Kraft.
Für mich war es schön zu sehen, wie das Thema Achtsamkeit im Retreat lebendig wurde: bewusst zusammenleben, Schmerz verwandeln und die vorhandenen Bedingungen für Frieden und Glück wahrnehmen- glücklich und wach auf dieser schönen Erde leben.
Ich war sehr glücklich: Positive Samen haben wir gewiss alle gesät in diesem Retreat: Jede und jeder Teilnehmer*in, das Organisations- Team sowie wir beiden Mönche.
Br. Trời Khiet Tam, 2026-06-21